Ein Ort, der nicht schweigt – Berlin, Bernauer Straße

Geschichte zum Anfassen – mein Mauerbesuch

Ein Ort, der nicht schweigt – an der Bernauer Straße in Berlin steht die Geschichte nicht hinter Glas. Sie steht im Freien, im Wind, im Alltag der Menschen – und genau deshalb trifft sie uns so direkt. Am 13.08.61 begann der Berliner Mauerbau. Dieses Ereignis ist nächste Woche 65 Jahre her. 

Ich war vor kurzer Zeit in Berlin und habe an einem Abend die Geschichte des geteilten Deutschlands besucht.

Ein Ort, der nicht schweigt – die Bernauer Straße

Foto: Berliner Ampelmännchen

Die Gedenkstätte „Berliner Mauer“ befindet sich in Berlin in der Bernauer Straße. Hier wurden bewusst Teile der 155 Kilometer langen Grenzanlage stehen gelassen. Bereits im Jahr 1990 gründete sich ein Verein, der sich um den Erhalt des Mahnmals kümmert.

Die Bernauer Straße galt als ein Brennpunkt der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Bau der Mauer und deren Folgen für die Bewohner der geteilten Stadt wurden hier besonders intensiv erlebt: Wege und ganze Familien wurde getrennt. Mein Hotel war ganz in der Nähe und so tauchte ich für ein paar Stunden in die deutsch-deutsche Geschichte ein.

Foto: Gedenken an den Mauerbau auf einer Hauswand

Ein Ort, der nicht schweigt – die Versöhnungskirche

Foto Die Kapelle der Versöhnung

Mich zieht es jedoch zunächst zum ehemaligen Standort der Versöhnungskirche. Die evangelische Kirche wurde 1892 in der Bernauer Straße Nummer 4 erbaut und wurde 1985 im Auftrag der DDR Regierung gesprengt. Nach dem 2. Weltkrieg und der Errichtung wurde die Kirche teilweise zugemauert und später auch nicht weiter genutzt, da sie im ehemaligen Todesstreifen lag, den nur das Militär betreten durfte. Nach der Wende erhielt die Gemeinde das Grundstück zurück und erbaute hier die Kapelle der Versöhnung. Sie wurde am 09. November 2000 eingeweiht.

Die eindrucksvollen Guss-Stahl-Glocken der damailigen Kirche konnten vor der Sprengung gerettet werden und befinden sich jetzt in einem Holzgerüst vor der Kapelle. Jeden Mittag um 12 Uhr klingen sie zur Mahnung und Erinnerung. Ich war leider am Abend da, fand sie aber durchaus beeindruckend. Ich hatte zuvor noch nie von der Sprengung einer Kirche an der Mauer gehört oder gelesen.

Foto: Die Gusstahl-Glocken der alten Versöhnungskirche

Ein Ort, der nicht schweigt – das Roggenfeld

Foto: Roggenfeld vor der Kapelle der Versöhnung

Das Roggenfeld vor der Kapelle der Versöhnung stach mir natürlich sofort ins Auge. Es ist rund 2.000 Quadratmeter groß und befindet sich ebenfalls auf dem ehemaligen Todesstreifen. 2005 entstand es als Kunstprojekt von dem Bildhauer Michael Spengler gemeinsam mit der Gemeinde. Es dient als Zeichen für Leben, Frieden und Überwindung der Gewalt. Ich konnte ein Stück auf einem Weg in das Feld hinein laufen und fand dort das alte Turmkreuz der Versöhnungskirche. Bei der Sprengung brach es und einige Friedhofsmitarbeiter haben es heimlich geborgen.

Ganz in der Nähe entdeckte ich auch die Skulptur „Reconciliation“ (Versöhnung) der britischen Bildhauerin Josefina de Vasconcellos. Enthüllt wurde sie am 9. November 1999 zum 10. Jahrestag des Mauerfalls. Die zwei dargestellten Menschen, die sich innig umarmen, sollen als Zeichen für den Frieden und die Überwindung der Trennung stehen.

Foto: Skulptur „Versöhnung“

Ein Ort, der nicht schweigt – die Mauer

Foto: Teile der alten Mauer
Foto: Europäisches Kulturerbe

Und dann ging es auf zu den Mauerresten und dem Wachturm. Das Außengelände war frei zugänglich von 8 bis 22 Uhr. Überall stehen Gedenktafeln und Infosäulen. Es waren durchaus einige Menschen dort mit mir unterwegs. Speziell viele Besucher aus dem Ausland. Der Eintritt ist frei, es können aber auch Führungen gebucht werden. Für Einzelpersonen und Gruppen. Ich stand das erste Mal mit 17 Jahren in Berlin am Brandenburger Tor vor der Mauer. Als ich sie jetzt wiedersah, erinnerte ich mich daran, dass sie genau so ausgesehen hatte.

Ecke Bernauer Straße / Ackerstraße fand ich den Wachturm Typ BT-9 vor. Bei dem Bautyp handelte es sich um einen standardisierten Grenzwachturm der DDR. In den Jahren ab 1970 prägte er die innerdeutsche Grenze und die Berliner Mauer. Solche Türme standen früher auch auf dem Priwall in Travemünde und waren mir durchaus bekannt. Nach eigener Recherche handelt es sich hierbei allerdings um einen Nachbau. Die Originaltürme wurden alle 1990 abgerissen.

Foto: Originaler Wachturm

Ein Ort, der nicht schweigt – die Gedenkstätte

Foto: Gedenkstätte der Opfer

Zuletzt habe ich dann die Gedenkstätte der Opfer in dem großen Außengelände besucht. Hier werden Geschichten via Infotafeln und Points erzählt, die sich um die Menschen drehen, die durch die Mauer eingesperrt waren, gehen mussten oder sogar versuchten, sie zu überwinden. Viele bezahlten dafür mit ihrem Leben. In der Bernauer Straße waren es mindestens 7 Opfer. Mittels der KI habe ich folgende Informationen über sie finden können:

  • Ida Siekmann (am 22. August 1961 tödlich verunglückt beim Sprung aus dem dritten Stock in die Tiefe)
  • Olga Segler (am 26. September 1961 an den Folgen eines Sprungs aus dem zweiten Stock gestorben)
  • Bernd Lünser (am 4. Oktober 1961 bei einem Sprung vom Dach tödlich verunglückt / beschossen)
  • Rudolf Urban (am 17. September 1961 an den Verletzungen nach einem Sturz aus dem Fenster gestorben)
  • Weitere Opfer wie Ingo Krüger oder Dieter Brandes und Michael Gartenschläger (je nach genauer Zuordnung der direkten Nahbereichs- und Sturzunfälle an den dortigen Häusern).

Insgesamt starben an der gesamten Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 mindestens 140 Menschen durch das Grenzregime. Als ich mir die Menschen im „Fenster des Gedenkens“ ansah, habe ich Gänsehaut bekommen, so nah kam mir diese Gedenkstation.

Foto: Bilder der Opfer – das Fenster des Gedenkens

 

Es war ein Abend, der ruhig, bedächtig und wirklich geschichtlich war. Es war ein bewegender Abend in Berlin. Gewohnt habe ich im „Hotel Grenzfall“, einem Inklusionshotel nahe der Bernauer Straße. Das war durchaus auch eine interessante Erfahrung. Ich werde es Euch in einem anderen Blogbeitrag vorstellen. 

Viele weitere Infos zur Mauer in Berlin gibt es hier.

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