Weihnachten! Maligayang Pasko! – Das Schiff ist weiblich – die Kolumne! Folge 4

 

Foto: Weihnachten an Bord

Weihnachten an Bord

„Wie, Weihnachten bist du dieses Jahr nicht zu Hause?“ Ich hörte am Ende der Leitung ein leichtes schluchzen. Gerade hate ich meiner Mutter mitgeteilt, dass ich Weihnachten nicht zu Hause sein werde – das erste Mal. Meinen Vertrag an Bord hatte ich verlängert, da meine Ablösung an Land krank geworden war. Ich fand das nicht tragisch, mir machte meine Arbeit Spaß und einmal Weihnachten an Bord zu feiern, fühlte sich für mich richtig an.

Wir fuhren in der Wintersaison im Mittelmeerraum. Spanien, Portugal und einen Abstecher nach Marokko. Ich mochte diese Route sehr. Besonders in Marokko die Ausflüge nach Marrrakesch ocer Chef Chaouen hatten es mir sehr angetan. In Spanien und Portugal wird die christliche Tradition von Jesu Geburt viel religiöser gefeiert, als bei uns in Berlin. Und so nahm ich mir die Zeit, wenn ich Landgang hatte, durch die Straßen zu schlendern und mir die wunderschöne (aber manchmal auch extrem kitschige) Dekoration in Malaga, Almeria und Barcelona anzuschauen.

An Bord begann langsam die Unruhe. Extra Meetings wurden einberaumt, um zu organisieren, wer an welcher Aktivität zu welchem Datum mitmachte. Nikolaus, zum Beispiel. Da bekam jeder Gast einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann auf die Kabine. Das übernahm das Housekeeping-Department. Für alle anderen Vorbereitungen, bei denen an Land zusätzliches Personal eingekauft wurde, für den „Ausnahmezustand Weihnachten“, gab es an Bord nur die Besatzung, die sich nun gegenseitig aushalf.

Von Päckchen und IKEA-Tüten

Es war genau zwei Wochen vor Weihnachten und ich konnte fühlen, wie langsam der Druck stieg. Die Meetings wurden länger, die Kreuzfahrtdirektorin immer nervöser. Ich verstand das am Anfang nicht so ganz und fragte meine Kollegin, die bereits vergangenes Jahr zu Weihnachten an Bord war. Sie sagte mir: „Warte ab, du wirst es schon erleben.“ „Super“, dachte ich mir, jetzt war ich nicht schlauer als zuvor. Ich fuhr bereits meinen zweiten Vertrag und kannte mich nun langsam mit allen Regeln und Richtlinien aus. Aber Weihnachten war ja bekanntlich überall „Ausnahmezustand“.

Unten auf Deck 3, bei unserem Crewpurser, ging am Wechselhafen kaum noch die Tür zu. Die Agentur brachte die ersten Weihnachtspäckchen, die die Eltern oder Freunde geschickt hatten. Auch meine Mutter ließ es sich nicht nehmen, mir ein Päckchen zu schicken mit jeder Menge Schokolade, selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen und Dominosteinen. All diese kleinen, süßen Kalorienbomben zum christlichen Weihnachtsfest. Es war schön, ein Päckchen zu bekommen. Irgendwie fühlte ich mich wie ein Kind im Ferienlager, welches von den Eltern Post bekommen hatte. Man wußte nie wann und vor allem nicht, was tatsächlich der Inhalt war.

Meist packten wir die Pakete bei uns oben im Büro gemeinsam aus und legten alles auf unseren Tisch im Büro. So hatten alle etwas davon. Die Backkünste der Mütter wurden bestaunt und irgendwie verwandelten wir uns alle wieder in Kinder. Ein war schönes Gefühl.

Unsere philippinische Crew (die Philippinen waren lange Zeit von den Spaniern besetzt und daher bis zum heutigen Tage meist katholisch) waren auch kurz vor dem Weihnachtskoller. Es wurden jeden Tag Lieder gesungen in der Crewmesse, die Kabinen geschmückt und die Uniform mit Ansteckern aufgepeppt. Hier gab es das Spiel genau anders herum:

Es wurde an Land eingekauft, was das Zeug hielt. Puppen, Handtaschen, Anziehsachen für Kinder, Spielzeug und Sportschuhe, aber nicht in Päckchen verpackt, nein. Wenn jemand nach Hause flog, musste er Sachen mitnehmen. Die Gefahr, dass das Paket nicht ankam, weil der Postbote auf den Philippinen die Sachen für seine eigenen Kinder nahm,  war einfach zu groß. Und so sah es dann auch immer bei der Abreise aus: Koffer, Koffer, Koffer und nebendran Kartons, zwei Rucksäcke, Handtaschen und große, blaue IKEA-Einkaufstüten. Mir erschloss sich einfach nicht, wie sie all das aufgeben wollten und mit nach Hause bekamen, später am Flughafen.

Baumschmücker und Sänger gesucht

Wir hatten Abteilungsleitermeeting. “Sandra, ich brauche morgen für das Tannenbaumschmücken fünf deiner Mädels. Sie sollen bitte um 20 Uhr im Atrium sein. Danke. Und an alle: Macht euch schon einmal Gedanken, wer dieses Jahr auf der Bühne stehen und für die Gäste Weihnachtslieder vorsingen möchte. Unser Showensemble braucht Unterstützung. Danke, das wars.“ Unser General Manager war durch mit seiner Planung. Fürs Erste.

Den Baum schmücken machten die jungen Frauen im allgemeinen sehr gern ( wir hatten zu dieser Zeit tatsächlich auch keinen Mann im Tours Team), so dass wir uns am Abend darauf nach dem Essen dort trafen. Eine Kollegin übernahm die Schalterzeit an der Buchungsstation und sah uns belustigt zu. Zusammen mit der Floristin begannen wir mit der Arbeit. Wer schon einmal Weihnachten auf einem Schiff war, weiß wie groß die Tannen sind. Ich dachte nur bei mir: “Super!“ Wollte ich doch an Bord weniger Weihnachtstamtam haben, aber wie es aussah, hatte ich hier nun das volle Programm. Und es wurde noch besser…!

Die Motivation mit auf der Bühne zu stehen und zu singen hielt sich in Grenzen. Jetzt verstand ich auch, warum er es so früh angesagt hatte. Keiner mochte wirklich, außer den „üblichen Verdächtigen“, meist unsere philippinische Crew, die gern jeden Abend in der Crewbar die Karaoke Station zum Glühen brachte. Übringens ein Phänomen, was ich später auch auf meinen Reisen zu den Philippinen gesehen hatte: Karaoke-Bars an jeder Ecke. Sie waren immer voll und alle sangen. In jedem Dorf gibt es mindestens eine- und diese befanden sich meist im Freien.

Die Gäste kamen an

Die Weihnachtsmützen kamen. Und zwar ganz viele, damit hatte ich nicht gerechnet. Obwohl ich in meinem Leben auch einmal zwei Jahre in Köln gelebt hatte und mir Karneval nicht fremd ist, hatte ich dennoch so meine Probleme mit dem „verniedlichen“ des Festes in Form dieser Mützen. Nun gut, was tat die Seefrau nicht alles für den Gast.

Die Gäste kamen, voller Vorfreude. Am ersten Abend einer jeden Reise stellten wir immer das komplette Ausflugsprogramm kurz im Theater vor. Zusammen mit den Agenturen in den verschiedenen Häfen, hatten wir im Vorfeld bereits abgesprochen, wo wir saisonal bedingt zusätzliche Ausflüge anbieten konnten. An diesem Abend stand ich mit am Buchungsschalter neben einer neuen Kollegin. Ich liebte es, ab und an mit zu verkaufen. So bekam ich schon immer ein ungefähres Gefühl, wie die Reise laufen würde.

„Junge Frau, ge, seins nät so, nun machns scho und gäbens mir noch a platzl. Kann doch nich so schwer sein.“ Neben mir am Schalter machte gerade eine ältere Dame mit lautstarkem Wiener Dialekt auf sich aufmerksam. Ich ging zu meiner Kollegin und fragte, wo das Problem sei. Meine Kollegin erklärte mir, dass der Ausflug ausgebucht sei und sie kann keine Person mehr dazu nehmen könnte. Ich sagte der Dame, dass meine Kollegin richtig gehandelt hatte. Sie wollte dennoch einen Platz haben.  Wir versprachen am Tag des Ausfluges zu schauen, ob jemand stornieren würde oder, ob vielleicht ein größerer Bus eingesetzt werden würde. Kein Thema, die Dame ging mit hochrotem Kopf davon. Was eine Uniform mit Streifen doch so ausmachte.

Weihnachten – meine klare Ansage

Nach Schalterschluss lud ich mein Team noch auf ein Getränk in die Crewbar ein und machte eine eindeutige Ansage:

„Liebes Team, gern möchte ich ein kurzes Meeting mit Euch machen. Es geht um die bevorstehende Weihnachtsreise. Die Gäste sind heute aufgestiegen und werden zwei, manche auch drei Wochen bleiben. Diese Reise ist keine normale Reise, Weihnachten steht vor der Tür. Extra Aufgaben werden auf uns zukommen, die Gäste sind emotionaler. Wir alle kennen das. Wenn es Weihnachten wird, haben die einen den Wunsch, nur Harmonie und Familie um sich zu haben. Auf der anderen Seite haben wir Gäste an Bord, die dem ganzen versuchen davon zu laufen. Ich gehe davon aus, dass die Ratings am Ende der Reise sehr durchwachsen sein werden.

Wir können in dieser emotionalen Zeit es nicht allen Gästen recht machen. Zusätzlich werden weitere Aufgaben außerhalb der normalen Arbeitszeit auf euch zukommen. Wir planen ein Adventssingen für die Gäste am Heiligen Abend, es werden für den Kidsclub noch weibliche Weihnachtsmänner für die Kinder und die Geschenke gesucht, des weiteren jeden Abend eine junge Frau, die als Engel verkleidet durch die Bars und Restaurants geht und den Gästen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Für uns hat sich die Küche als Motivation für dieses Jahr etwas besonderes einfallen lassen, aber dazu später mehr.“

Wir saßen noch lange zusammen an diesem Abend und tauschten uns aus. Mein Bauch krampfte sich zusammen und ich dachte für mich: “Wir müssen es schaffen, dass für die Gäste diese Reise unvergesslich bleiben wird.“

Alle in einem Boot

Auf dem Weg in die Kabine traf ich unseren Crew-Welfare-Manager. Das war ein normaler Mitarbeiter, der sich zusätzlich zur Aufgabe gemacht hatte (und von der Crew gewählt wurde), die nicht personenbezogenen Trinkgelder zu verwalten, zusammen mit dem Personalleiter an Bord. Er bat mich kurz in sein Büro und sagte:

“Sandra, ich brauch deine Hilfe. Auch dieses Jahr planen wir wieder für die Crew eine Weihnachtstombola, ein Weihnachtsessen sowie eine Party. Mit der Küche, dem Restaurant und der Brücke habe ich schon gesprochen. Nun brauch ich aber noch Hilfe für die Gewinne in der Tombola. Kannst Du bitte in den nächsten drei Häfen einkaufen gehen? Wir brauchen jede Menge Gutscheine aus den Warenhäusern zu verschiedenen Beträgen, Parfums und Telefonkarten aus der Crewbar, Darüber hinaus Merchandise Artikel aus dem Shop und jede Menge Schokoladenmänner…“

Ich lächelte: “Gern mache ich das für uns“. Er gab mir das Geld und ich ging auf meine Kabine.

Am Heiligen Abend hatten wir alle, wunderschön in langen Abendkleidern, auf der Bühne gestanden und Weihnachtslieder gesungen. Als wir fertig waren, stand ich für einen Moment ganz still und horchte in mich hinein. Ich war traurig, nicht zu Hause zu sein. Ich war glücklich an Bord zu sein und mit all diesen tollen Menschen aus so vielen verschiedenen Erdteilen hier zusammen Weihnachten feiern zu dürfen. Wir waren alle hier fernab von zu Hause. Teilweise kannten wir uns persönlich, manche nur vom sehen, einige sah ich nur einmal pro Vertrag und sonst irgendwie niemals wieder. Aber an diesem Abend, auf dieser Bühne, beim Singen der Lieder, hatten wir uns alle vereint gefühlt. Alle saßen in einem Boot und feierten zusammen das Fest der Liebe.

Anschließend war die Crewmesse wunderschön mit Tischdecken und LED Kerzen für die Crew gedeckt. Es gab alles, was das Herz sich nur wünschen konnte, zu essen. Wir schlemmten, was das Buffet hergab. Danach gingen wir zur internen Weihnachtsfeier, tanzen und sangen: 18 Nationen und mehr als 850 Crewmitglieder.

Frohe Weihnachten. Feliz Navidad. Merry Chrismas. Maligayang Pasko.

Eure Seefrau Sandra

Zur Homepage von Sandra geht es hier.

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2 thoughts on “Weihnachten! Maligayang Pasko! – Das Schiff ist weiblich – die Kolumne! Folge 4

  1. Michael PFEFFER says:

    Servus Brina. Schöner Bericht von Sandra. Als Gast bekommt man ja nur wenig mit, was hinter den Kulissen so alles abläuft. Liebe Grüße von unserer Weihnachtsmärkte Tour mit der Amadeus Rhapsody aus Passau.

    • Brina Stein says:

      Lieber Mike, danke, ja so ist es, deshalb gibt es ja diese schöne Kolumne! Euch noch viel Spaß an Bord, viele Grüße, Brina

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