Die Kommandantin – Das Schiff ist weiblich – die Kolumne! Folge 8

Kind.Kameradin.Komandoverantwortung.

Foto: Die Kommandatin Tanja Merkl

Die Kommandantin kommt in diesem Blogbetrag zu Wort. Taucht mit Tanja Merkl ab in eine Welt auf See, die so ganz anders ist, als mit und auf einem Kreuzfahrtschiff. Außerdem bekommt Ihr Einblicke in das Thema „Frauen in Führungspositionen auf See“.

Sandra Kloss-Selim, die auf meinem Blog ihre eigene Kolumne hat, kam auf die Idee mal eine ganz andere Perspektive der Arbeit auf See vorzustellen. Ich bin ihrem Vorschlag gern gefolgt und fand die Kommandantin mit ihren Sichtweisen faszinierend.

Wie alles begann…

Ich bereise mit dem Schiff nicht die ganze Welt, bin kein Dienstleister, sondern diene meinem Land. An Bord habe ich keine Restaurants, keinen Zimmerservice und kein Orchester. Mein Arbeitsplatz ist kein Kreuzfahrt-, sondern ein Kriegsschiff. Der Grund einer jeden Seefahrt fußt auf einem militärischen Auftrag und ich bin die, die für die Erfüllung dieses Auftrages die Verantwortung trägt. Früh Verantwortung zu übernehmen war auch der Grund, warum ich Offizier und damit Führungs-kraft werden wollte. Ich war neunzehn Jahre alt, als im Juli 2005 meine Grundausbildung bei der Marine begann. Mit dem Abitur im Seesack wusste ich nicht wirklich, was für Abenteuer auf mich warten werden.

 

Als Matrose hätte ich zudem niemals gedacht, eines Tages tatsächlich ein eigenes Kommando als Kommandantin eines Kriegsschiffes übertragen zu bekommen. Grün hinter den Ohren, wie eine Steuerbordfahrtlaterne, reichte mein Blick nur wenige Monate in die Zukunft. Vor der Bundeswehr hatte ich parallel zur Schule häufig Nebenjobs in der Gastronomie. Der Weg vom Tellerwäscher zum Militär lag unter anderem in der frühen Affinität zum Meer begründet. Mein Vater hatte in der Volksmarine gedient und fuhr eine Zeit lang auf Schiffen der Hochseefischerei zur See. Eine meiner Schwestern war beim Heer als Sanitäterin. Ich wusste anhand ihrer Geschichten in groben Zügen, aus welcher Richtung der Wind weht. Heute, nach etwa vierzehn Jahren Dienstzeit in der Marine, blicke ich auf eine sehr abwechslungsreiche, fordernde, prägende und glückliche Zeit zurück. Als junger Offizieranwärter diente ich auf dem Segelschulschiff GORCH FOCK und auf dem Einsatzgruppenversorger BERLIN.

 

Die Kommandantin und ihre Aufgaben

Später in meiner Laufbahn fand ich auf Minenabwehreinheiten meine militärische Heimat. Ich fahre von Herzen gern zur See und neben dem Meer, dem Gefühl von Freiheit und dem Blick auf die schönsten Sonnenuntergänge, sind es vor allem die Menschen, die meinen Beruf zur Berufung machen. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht dankbar bin für das, was ich erleben darf. Was in der zivilen Seefahrt der Kapitän, ist auf militärischen Schiffen und Booten der Kommandant. Meine Mitarbeiter heißen Kameraden, die Köche nennen wir Smuts und auf dem Bug stehen weder Container noch ein Pool, sondern eine 27 mm Bordkanone, auch Marineleichtgeschütz genannt.

 

Der Schutz von See- und Handelswegen und das Zeigen militärischer Präsenz in der Ostsee, Nordsee und im Nordatlantik sind elementarer Bestandteil meines militärischen Auftrags. Mein Spezialgebiet sind Seeminen und meine Aufgaben variieren von Nachwuchswerbung im Rahmen der Personalgewinnung bis hin zur Teilnahme an Auslandseinsätzen. Abwesenheiten von wenigen Tagen bis hin zu mehreren Monaten gehörten und gehören für mich immer zu meinem Berufsleben dazu. Zwischen der zivilen Seefahrt und dem Dienst auf Schiffen und Booten der Marine liegen meiner Meinung nach Welten. Was uns allerdings verbindet, sind die Liebe zum Meer und zu den Menschen und der Wille, Herausforderungen an- sowie Entbehrungen hinzunehmen. Was ein Kriegsschiff samt seinen Soldatinnen und Soldaten von der zivilen Seefahrt grundsätzlich unterscheidet, ist die Fähigkeit zum Kampf. Was nicht heißt, dass Frauen in Führungspositionen, ganz gleich welches Schiff sie bewegen, nicht auch Kämpferinnen sein müssen.

 

Die Kommandantin – was eine Führungsaufgabe bedeutet

Foto: Quelle pixabay

Die Frauen, die ich bisher in Führungspositionen erlebt habe, waren empfindsam für die Bedürfnisse ihres anvertrauten Personals, spürten Verhaltensänderungen schnell, waren durchsetzungsfähig, kompetent und konnten häufig mit viel Fingerspitzengefühl die richtigen Worte finden. Ich sehe keine klar definierten Grenzen in den Führungsstilen zwischen Mann und Frau. Ich kann nur schildern, wie ich Führung sehe und erlebe. Ich persönlich richte mein Führungsverhalten nicht danach aus, was Menschen von mir wollen, sondern ich mache das, wovon ich überzeugt bin, was gut für sie ist. Wenn wir gefallen wollen, werden wir dazu verleitet, es Menschen recht zu machen. Es darf nicht darum gehen, beliebt zu sein, es muss darum gehen, das Ziel, also den Auftrag, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, zu erreichen.

 

Und natürlich darf auf dem Weg zum Ziel der individuelle Blick für die Sorgen und Nöte der Menschen nicht verloren gehen. Seefahrt und Führungsverantwortung beherbergen immer Gefahren. Wir Frauen müssen uns in Untiefen wagen. Unbekanntem müssen wir positiv entgegensehen und dürfen uns nicht davor scheuen, neue Wege zu gehen. Gerade auf Kriegsschiffen reicht die Lostrommel der Gefahren im Frieden von Fehlern beim Waffengebrauch über Fehler in der navigatorischen Führung der Einheit bis hin zu folgenreichen Fehlern in der Beurteilung des unterstellten Personals. Keine Seemeile ohne Risiko. Der Weg über die Stelling an Bord ist nicht nur der Weg zu meiner zweiten Familie, es ist auch der Weg in nicht immer gut kalkulierbare Risiken. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in den bisher gegangenen Ausbildungsweg ist daher sehr wichtig. Auch von nicht unerheblichem Wert war für mich die Erkenntnis, dass Vorgesetzte keine Götter sind, die über Wasser gehen können, sondern Menschen, die einen langen Weg voller Herausforderungen hinter sich haben.

 

Auch die Schiffe anderer Kommandanten schweben nicht über jede Hürde reibungslos hinweg, sondern jeder muss kämpfen und ist fehlbar. Wir Frauen stehen männlichen Kameraden in nichts nach. Ich habe auf meinem Weg zur Hauptverantwortungsträgerin über Mensch und Material eines Kriegsschiffes rein gar nichts gefunden, was geschlechterspezifisch von Männern besser gemeistert werden kann. Frauen wie Männer machen Fehler und sind Kämpfer. Menschen in Führungspositionen dürfen meiner Meinung nach nie für sich, sondern müssen für die Sache kämpfen. Kämpfen kann bedeuten, die Waffe gegen einen Feind zu richten, aber der Feind kann auch die Bürokratie und die Waffe der Kugelschreiber sein. Disziplin und persönliche Härte gehören zum Alltag, genauso wie Humor und positives Denken.

 

Die Kommandatin und ihre Umwege

Mein Glaube ist der Optimismus und mein Waffenschrank beherbergt nicht nur Kugelschreiber. Ich weiß, dass mehr Frauen in Führungspositionen geführt werden müssen, weil sie eine Bereicherung für das System, das Schiff, das Team und für andere Frauen und Männer sind. Ich glaube, Frauen sind von Natur aus stark. Sie bringen die Anlagen mit, um unter wirklich unerträglichen Schmerzen ein kleines Menschenleben auf die Welt zu bringen, es zu lieben, zu erziehen und sich selbstlos um das Wohl eines anderen zu sorgen. Frauen brauchen sich daher vor der Verantwortung, bereits Erwachsene und mit Vernunft ausgestattete Menschen zu fördern und zu fordern, nicht zu fürchten. Ich kenne so viele starke Frauen und wünsche mir, dass sie die Herausforderung einer Führungsposition positiv sehen und als etwas Gutes annehmen. Ganz viele von uns sind Macherinnen, für die nicht nur Worte zählen, sondern vor allem Taten. Jeder wächst mit seinen Aufgaben und wir können über uns hinauswachsen. Mein Weg vom Matrosen bis hin zur Kommandantin war keineswegs gerade.

 

Es gab immer wieder Stationen in meiner Fahrenszeit, in denen Umwege meine berufliche Ortskenntnis erhöhten. Gelegentlich einen Dämpfer zu bekommen lässt mich das bereits Erreichte als noch größeres Glück empfinden. Was während stürmischer Zeiten oft half, war, sich neben dem großen Ziel, Kommandantin werden zu wollen, viele kleine Ziele, die in greifbarer Nähe waren, zu setzen. Stück für Stück kam ich so meinem großen Ziel näher und feierte auch kleine Erfolge. Auch Humor und eine positive Grundeinstellung zu allem halfen bei der Erreichung meiner Ziele. Ich will führen, ich will gestalten und ich will vor allem Dinge besser machen, als sie bisher laufen. Ich sehe mich nicht als Individuum auf dem Weg zur Selbstverwirklichung, sondern als relevanten Teil einer großen Gemeinschaft, als steter Tropfen, der seinen Beitrag leistet, den Stein zu höhlen. Ausdauer und eine Ostsee voller Idealismus habe ich immer bei mir.

 

In meiner Vergangenheit hatte ich viele witzige, frustrierende und besondere Begegnungen mit Menschen, deren Schubladendenken mehr als offensichtlich war. Mit einem Minenjagdboot lag ich anlässlich eines Hafengeburtstages in Flensburg. Wir hatten OPEN SHIP und ich war der Wachhabende Offizier, der sich mit anderen Besatzungsmitgliedern um die Betreuung der Gäste kümmerte. Ein Mann mit seinem Enkel betrat das Boot, sah sich um und kam irgendwann auf mich zu. Ich war auf typische Fragen zum Waffensystem vorbereitet, aber das Boot schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. Er fragte mich, welche Funktion ich an Bord habe und wie alt ich bin. Ich erzählte ihm in groben Zügen, was ich an Bord mache. Meine Aufgaben als Navigationsoffizier nahm er kritisch und wortkarg auf. Auch mein Alter, damals war ich 26 Jahre, gab ich preis. Er reagierte mit ernstem Blick und deutlicher Ansprache: „Mädel, ich bin Tierarzt und bei Kühen ist das wie beim Menschen, irgendwann sollte man mit dem Besamen aufhören.“ Ich sah ohne weiteren Blick ins Fernglas, was er meinte. Frauen sollten lieber Kinder bekommen, anstatt zur See zu fahren.

 

Die Kommandantin – bringen Frauen an Bord Unglück?

Kind und Karriere schließen sich nicht aus. Karriere ist nicht nur möglich, sondern wird immer mehr durch Frauen gelebt und eingefordert. Gleichzeitig kostet es auch heute noch viel Kraft, gegen die in der Gesellschaft weiterhin verhafteten Vorurteile anzugehen. Auch in der Marine spüre ich hin und wieder die in der Gesellschaft verankerten Rollenbilder. Als ich schwanger wurde, rechneten die Wenigsten damit, mich noch einmal auf See zu sehen, obwohl ich bereits während

der Schwangerschaft sagte, dass ich wiederkommen werde. Anzunehmen, Frauen würden mit einer Schwangerschaft der Seefahrt auf ewig den Rücken kehren, ist schlicht ein Fehler. Ein Großteil der Frauen wird sich, sobald sich Nachwuchs ankündigt, gegen die Seefahrt entscheiden, aber der Anteil, der eine Möglichkeit erkennt, Seefahrt weiter in Betracht zu ziehen, darf nicht durch falsches Schubladendenken pauschal und dauerhaft in einen Berufsweg an Land gedrängt werden. Es gibt einen alten Spruch, der vor allem von Männern, die eine Marine mit Frauen nie kennenlernten, am Leben gehalten wird: „Frauen und Schnittblumen an Bord bringen Unglück.“

 

Dieser Spruch muss etwa aus einer Zeit stammen, als die Erde noch eine Scheibe war. Jede Frau, die sich den Herausforderungen der Seefahrt stellt, ist ein Gewinn. Auch wenn ich die Verfechter dieses Spruches immer schrecklich enttäuschen muss, so ist es eben kein Seemannsgarn, dass ohne die Frauen in der Marine die militärischen Aufträge gar nicht mehr umsetzbar wären. Frauen wie Männer dienen und bringen als Besatzung die militärisch gesetzten Ziele zum Erfolg. Eine Besatzung zu führen bedarf keines bestimmten Geschlechts, sondern der Fähigkeit, Individuen entsprechend der Anforderungen zu fördern und zu fordern. Zusammenhalt, Leistungsbereitschaft, Fachkompetenz müssen von ganz oben vorgelebt werden. Wir Frauen können das! Ich diente bisher auf etwa zehn Booten und Schiffen der Marine und hatte auch Einblicke in andere Marinen. Die Außerdienststellung so mancher Einheit lag gewiss nicht an mir. Ich kämpfe auch heute noch gegen Vorurteile und Schubladendenken. Schubladen gehören in Schränke und nicht in das Denken von Führungspersönlichkeiten auf See.

 

Blinde Passagiere neben den Dingen, die auf dem Weg in eine Führungsposition gut ins Reisegepäck passen, schleichen sich auch immer wieder blinde Passagiere mit ins Schiff. Neid, Konkurrenzdenken und Einsamkeit sind drei der wirkenden Kräfte, die am besten das Schiff ohne Umwege über die Planke verlassen. Schön, wenn das so einfach wäre. Konkurrenzdenken ist nicht nur Zeit-verschwendung, sondern vollkommen unnötig. Wer sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt behaupten will, muss einen sehr guten Job machen. Der Fokus sollte zwingend auf den eigenen Fähigkeiten liegen. Sie bestmöglich einzusetzen, für die Sache und für die Menschen zu arbeiten, ist meiner Meinung nach erfolgversprechender als der Blick auf den Gabentisch derer, die ähnliche Ziele verfolgen. Neid unter Frauen ist eine Havarie auf Raten.

 

Die Kommandantin – Frauen in Führungspostionen

Foto: Quelle pixabay

In einer aktuell noch von männlichen Führungspersönlichkeiten dominierten Seefahrt ist der absolut bessere Weg, anderen Frauen gönnen zu können. Als Frauen stellen wir häufig die größte Minderheit dar. Minderheiten finden mehr Gehör, wenn sie zusammenhalten und einen gemeinsamen Kurs finden. Das bedeutet nicht, dass Frauen sich bewusst über alle Führungseben hinweg zusammenrotten. Hierarchien sind zu wahren und elementarer Bestandteil einer funktionierenden Führungsstruktur. Auch hier gilt es, für die Sache zu kämpfen und mit Eignung, Leistung und Befähigung zu überzeugen. Wichtig ist, miteinander zu reden und nicht übereinander. Führen macht einsam, so geht es Männern wie Frauen. Das habe ich schon öfters von Führungspersönlichkeiten gehört und selbst in gewissen Abschnitten meines Berufslebens gespürt. Umso wichtiger ist es, Wege zu finden, dieser Einsamkeit zu entgehen oder sie anzunehmen, schließlich sitzen wir alle in einem Boot.

 

Auf See als Frau unter jeder Menge Seefahrern eine von ganz wenigen Seefahrerinnen zu sein, verdeutlicht manchen schon ganz früh, was Einsamkeit ist, ganz ohne eine Führungsposition innezuhaben. Auch wenn an Bord fünf Frauen dienen, so sind diese meist in verschiedenen Hierarchieebenen. Zwar können auch Männer tolle Gesprächspartner sein, aber eine gewisse Distanz ist immer zu wahren. Gewisse Gesprächsthemen, wie Familienplanung, Beziehungen, Sorgen und Ängste, möglichen Herausforderungen an Bord nicht gewachsen zu sein, könnten ein Gefühl der Einsamkeit auslösen oder verstärken. Gute Kommunikationspartner und vor allem auch -partnerinnen, die eventuell ganz ähnliche Erfahrung gemacht haben, sind wichtig. Ein Netzwerk, der Erfahrungsaustausch und der Blick über den eigenen Erfahrungshorizont helfen.

 

Auch Männer stecken Sorgen, Abwesenheitszeiten von zu Hause und die Herausforderungen an Bord nicht leicht weg. Männer sind meiner Meinung nach psychisch nicht stärker als Frauen. Für ein gutes Miteinander war es mir immer wichtig, nah an den Menschen zu sein und dennoch eine gewisse Distanz zu wahren. Alles, was über Kameradschaft zwischen Mann und Frau hinausgeht, kann kompliziert werden. Was der eine Freundschaft nennt, wird nicht selten für den anderen zum Startschuss für die große Liebe. So bin ich persönlich immer ganz gut damit gefahren, ganz lange beim SIE zu bleiben, was im Militär sehr einfach und auch eher der Standard ist.

 

Die Kommandantin – die Balance zwischen Familie und Beruf

Die Balance zwischen Familie und Beruf Als Frau, Mutter und Marineoffizier mit Kommando-verantwortung möchte ich all jenen Mut machen, die ihren beruflichen Weg in einer Führungsposition auf dem Meer sehen. Ich bin Menschenführer und Mama. Ich diene unserem Land und meiner Familie. In meiner Brust schlagen zwei Herzen, je nachdem, welches mehr Liebe, Aufmerksamkeit und Fürsorge benötigt, passe ich mein Handeln an. Der gelegentliche Ritt auf der Rasierklinge bleibt nicht aus und klar gibt es auch Tage, an denen man glaubt, der nächste bildlich gesprochene Eisberg recht voraus wird einem zum Verhängnis. Bisher hat mich jeder persönliche Rückschlag stärker gemacht. Es heißt, Belastung macht belastbar, das kann ich nur bestätigen. Meine Familie trägt den Weg, den ich gehe, mit mir. Meine Familienmitglieder sind diejenigen, die all das, was ich leiste, erst möglich machen. Sie sind meine ganz persönlichen Seenotretter.

 

Solange ich das Gefühl habe, dass es meinem Kind gut geht und seine Entwicklung als positiv denkender, fröhlicher und starker Charakter seinem Alter entsprechend gut voranschreitet, mache ich mir keine Sorgen. Meine Tochter ist mit ihren drei Jahren ein sehr forderndes und quirliges Kind. Ich glaube nicht, dass ich nur dann eine gute Mama sein kann, wenn ich immer da bin. Sie wächst behütet auf, hat eine gute Routine und viel Umgang mit gleichaltrigen Kindern. Die Zeit mit ihr nutze ich intensiv und Verabschiedungsszenarien vermeide ich, wenn es möglich ist, vollkommen. Sie war schon des Öfteren mit an Bord, weiß in groben Zügen, was ich mache, und trägt meine weiße Kommandantenmütze am liebsten selbst. Ob mein Weg der Erziehung und mein Weg auf See für die Entwicklung meiner Tochter die wirklich richtigen sind, weiß ich genau wie andere Mamas erst, wenn der Sprössling das Nest verlässt und selbst ein eigenständiges Leben führt.

 

Als fünftes von fünf Kindern von Eltern, die seitdem ich denken kann durchgehend arbeitstätig waren, bin ich der Meinung, dass man keinen Nachteil hat, wenn beide Elternteile in Vollzeit arbeiten. Jede Familie muss individuell abwägen, was

für sie der beste Weg ist. Die Bedürfnisse der Familie sowie die Rahmenbedingungen wie die Infrastruktur mit Kita-Plätzen oder der Lebensstandard, die Ausbildung und die Gehälter spielen sicher eine entscheidende Rolle, was an Karriere für den jeweiligen Partner möglich ist. Wichtig ist, nicht zu früh den Weg in eine Führungsposition auf See über Bord zu werfen. Die eigenen Wünsche und Rollenbilder sollten immer wieder sehr kritisch hinterfragt werden. Klar ist auch, dass nicht immer alles nach Plan laufen kann. Zu akzeptieren, manche Dinge nicht planen zu können, wir nennen das beim Militär „Leben in der Lage“, gehört zum Berufsalltag. Das Leben als gut betonnte Seeschifffahrtsstraße zu sehen, halte ich daher für zweckmäßig. Es gibt eine rechte und linke Grenze, die durch die Fahrwassertonnen angezeigt wird. Zwar muss man versuchen, vorausschauend zu denken, aber Zufall, Schicksal und Glück sind eben nicht unerheblich stark wirkende Kräfte.

 

Die Kommandantin – vom Überfördern

Frauen dürfen Frauen nicht „überfördern“ Als Frau in einer von Männern dominierten Arbeitswelt wollte ich nie hören, dass ich gewisse Stationen nur erreicht habe, weil ich eine Frau bin. Ich meldete mich häufig für Seefahrten auf anderen Einheiten, wenn meine Einheit nicht selbst unterwegs war. Ich übernahm Wochenendwachen, um die Zeit für meine Ausbildung zu nutzen, arbeitete viel von zu Hause aus und suchte nach Möglichkeiten, mich sinnvoll für die Sache einbringen zu können. Viele Bereiche meines Berufes haben für mich nichts mit Arbeit zu tun, da sie mich keine Kraft kosten, sondern das Gegenteil der Fall ist. Herausforderungen, die mein Dienst auf See für mich bereithält, geben mir mehr Kraft als ich dafür aufwenden muss.  Ich wünsche mir deutlich mehr Frauen auf See. Wir müssen daher füreinander da sein. Frauen sollten Frauen fördern, aber nicht „überförden“.

 

Wenn ich sage, ich möchte Frauen fördern, dann bedeutet das, ihnen ein Vorbild zu sein, ihnen Mut zu machen, an sie zu denken, wenn sie Gefahr laufen, sich selbst zu vergessen. Ich möchte ihnen sagen, dass stürmische Zeiten dazugehören. Herausforderungen sind der Wind in unseren Segeln. Ich sehe die Bundeswehr als Vorreiter für Chancengerechtigkeit, für Frauen auf See und in Führungs-positionen. Neben der Tatsache, dass es keine geschlechterspezifischen Gehalts-unterschiede gibt, wurde der Blick auf chancengerechtes Handeln institutionalisiert. Vom Stabselement Chancengerechtigkeit im Bundesministerium der Verteidigung bis hin zur Gleichstellungsbeauftragten oder den Gleichstellungsvertrauensfrauen an den Dienststellen – für Männer wie Frauen gilt das Credo Eignung, Leistung, Befähigung. Wer nicht bereit ist, die Herausforderungen der Seefahrt anzunehmen und die Fähigkeiten und den Willen, Führungsverantwortung zu übernehmen, nicht von Aufgabe zu Aufgabe in sich wachsen lässt, wird einen neuen Weg einschlagen müssen.

 

Frauen zu fördern und in Führungspositionen zu setzen, ohne ihre tatsächliche Eignung genau geprüft zu haben, wäre ein fataler Fehler. Jeder Soldat ist individuell zu fördern und verdient es, chancengerecht geführt zu werden. Die Verantwortung, die jede Führungsposition mit sich bringt, muss getragen werden können. Aber auch das können Frauen stemmen, wenn sie es wollen und auf ihre Fähigkeiten vertrauen.  Hätte ich, mit dem Wissen von heute, erneut die Gelegenheit, meinen Weg frei zu wählen, würde ich mich wieder für die Marine und für die Seefahrt entscheiden. Führungsverantwortung tragen zu dürfen bedeutet für mich Glück und berufliche Erfüllung.

 

Dies ist nur eine Geschichte aus dem Buch von Sandra Kloss-Selim (Autorin und Herausgeberin) „Das Schiff ist weiblich“. Seid Ihr neugierig geworden? Hier könnt Ihr es bestellen. Neben der Kommandantin könnt Ihr dort auch noch andere, spannende Frauen in Führungspositionen entdecken.

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