Crew alert – Das Schiff ist weiblich – die Kolumne! Folge 6

Nachts, als alles schlief kam der Crew alert!

Foto: Seefrau Sandra an Bord

„Crew alert, Crew alert, Crew alert . All crew proceed to the musterstation. Crew alert, Crew alert, Crew alert“, schrie es in meinen Ohren. Ich schreckte in meinem Bett hoch und begriff gar nicht erst, wo ich überhaupt war. Ich schaute an mir herunter und sah nichts. Erschrocken erinnerte ich mich, dass ich ja jetzt auf einem Schiff in einer Innenkabine wohnte und suchte verzweifelt nach meinem Schlaflicht. Draussen hörte ich schon die ersten Stimmen und Geräusche und begriff langsam: Das hier war ein Notfall. Mein Herz stand still, dennoch verstand ich, dass ich jetzt eins zu tun hatte: Die Schwimmweste packen, eine Hose anziehen sowie eine Jacke mitnehmen und dann nichts wie raus aus der Kabine.

Draussen begegnete mir ein heilloses Chaos: Sämtliche Kollegen liefen im Schlafanzug mit Weste hin und her und schauten, wo sie am schnellsten nach oben kommen konnten. Die wasserdichten Türen waren noch geschlossen, also befanden wir uns auf See. Ich wollte auf meine Uhr zu schauen, die lag aber noch im Badezimmer in der Kabine. Ich versuchte ruhig zu bleiben und ging zusammen mit den anderen Crewmitgliedern nach oben. Im Büro angekommen, nahm ich mein Walkie Talkie und meldete mich an. Ich sagte: „Ich bin bereit.“ Als Führungskraft an Bord eines Schiffes haben Sie meist auch eine leitende Funktion in der Rettung und Bergung von Menschen. Ich erfuhr vom Chief Engineer, dass im Maschinenraum ein Brand ausgebrochen war und alle Gäste und Crewmitglieder umgehend auf den Musterstationen gesammelt werden müssten. Okay, ich unterrichtete mein Team und ging auf meine Station. Hier sah ich bereits die ersten Gäste. Teilweise im Schlafanzug, teilweise noch von der Bar kommend in Abendgarderobe. Und alle hatten eines: Panik im Gesicht.

Crew alert – An der Musterstation Y

Ich bat die Gäste an der Mustertstaion Y, für die ich zuständig war, um Ruhe. Ich sagte Ihnen, dass wir alles im Griff hätten und sie sich keine Gedanken machen sollten. In diesem Moment war ich so klar und ruhig mit mir selbst. Ich staune auch heute noch darüber, dass ich zu diesem Zeitpunkt diese Ruhe ausstrahlte. Eine ältere Dame kam auf mich zu und erklärte mir, dass sie jetzt unbedingt ihren Pass haben möchte, den die Rezeption gestern beim Einschiffen eingesammelt hatte. Ich versuchte ihr kurz und knapp zu erklären, dass dies momentan nicht möglich sei, dass aber alle Pässe sicher in einem Safe beim First Purser liegen und sie diese auch wiederbekommen würden. Gott sei Dank entspannte sie sich und stellte sich mit in die Gruppe. Frauen mit Kindern, ältere Herrschaften mit Rollstuhl, nach und nach kamen alle auf ihre Stationen. Ich schaute auf die See hinaus und atmete einmal tief ein und aus. Ich wusste, dass wir einen guten Kapitän, einen fähigen Chief Engineer und auch dem Rest der Führungsriege absolut vertrauen könnnen und, das sie die richtigen Entscheidungen treffen würden. Aber es war doch irgendwie unwirklich, wie ein Film, der vor mir ablief.

Ich lief vor zur Treppe um zu schauen, ob noch weitere Gäste kommen oder ob wir mit dem Aufzählen der Kabinennummer beginnen können. Als ich die Tür öffnete, um die Treppe einzusehen, wurde mir schlecht: Rauch zog die Treppe hinauf. Das war kein gutes Zeichen. Ich schloss die Tür und suchte eine „ruhige“ Ecke um zu melden, dass auf diesem Aufgang der Rauch hinaufstieg. Dann gingen auf einmal alle Lichter aus, nur die Notbeleuchtung war noch intakt. Das Schiff schaukelte, die Gäste wurden immer unruhiger, ich auch. Ich übergab an meinen Assistenten und schaute nach, was ich im Inneren ggf. sehen konnte: Nichts als Rauch.

Crew alert – der Maschinenraum wurde mit Sauerstoff geflutet!

Dann kam die Ansage von der Brücke: „Der Maschinenraum wurde mit Sauerstoff geflutet, um den Brand zu löschen. Dabei musste es einen Kurzschluss gegeben haben. Aber, keinen Grund zur Unruhe, wir haben alles unter Kontrolle.“. Ich atmete erleichtert auf. Der Brand war gelöscht und niemand war zu Schaden gekommen. Einige fingen an Witze zu machen, andere wiederrum wollten zurück an die Bar. Andere standen einfach nur versteinert da und schauten auf das Meer. Noch immer war nur die Notbeleuchtung an und wir trieben auf dem Meer…! Nach einiger Zeit wurde endlich offiziell Entwarnung gegeben und die Gäste durften zurück in ihre Kabinen. Wir hatten anschließend ein Nachmeeting auf der Brücke.

Krisen wie solche, aber auch Notfälle mit medizinischen Ausschiffungen durch einen Helikopter, Selbstmörder, die über die Reeling springen, Eltern die zu Hause versterben während das Crewmitlglied an Bord arbeitet und nicht nach Hause fliegen kann, betrunkene Passagiere die im Rettungsboot die Feuerwerkskörper ausprobieren möchten oder der Ehemann, der im Alkohol seine Frau verprügelt, all das sind Krisen, die wir an Bord erlebten. Darauf werden wir geschult, wir die Führungsriege der Schiffsbesatzung.

International Convention for the Safety of Life at Sea

Woher kommen diese Schulungen und welchen Hintergrund hat dieses Krisenmanagement? SOLAS:

Das Gesetz über das Internationale Übereinkommen zum Schutze des menschlichen Lebens auf See (Schiffssicherheitsvertrag, London 1929), im Reichsgesetzblatt von 1931.

Foto: Quelle Wikipedia

 

Die International Convention for the Safety of Life at Sea, 1974 (SOLAS; deutsch Internationales Übereinkommen von 1974 zum Schutz des menschlichen Lebens auf See) ist eine UN-Konvention zur Schiffssicherheit. Die ursprüngliche Fassung entstand als Reaktion auf den Untergang der Titanic im Jahr 1912. Derzeit ist die fünfte Version von 1974 in Kraft, erweitert und geändert durch zahlreiche Ergänzungsprotokolle (engl. „amendments“) Quelle Wikipedia!

Zu detaillierten Infos geht es hier.

Das vorerst letzte Ergänzungsprotokoll wurde im Mai 2011 beschlossen und trat dann am 1. Januar 2013 in Kraft. Diese gesamte Thematik ist in 14 Unterpunkte unterteilt, eine davon ist: Crowd&Crises: Vom Handling und Umgang von Menschen in Krisensituationen. Diese Schulungen, die ich im Laufe meiner Karriere an Bord mehrfach durchlaufen durfte sowie die Routine, die bei den regelmäßigen Übungen eintrat, halfen mir in dieser Situation klar meine Frau zu stehen.

Aber, was ist eine Krise / Notfallsituation eigentlich? Was passiert dabei mit uns Menschen?

Wir haben am Anfang der Krise die Wahl: Verzweifeln oder wachsen. Ich für meinen Teil habe mich immer, wirklich, immer für das Wachsen entschieden. Auch, als ich die Treppentür öffnete und den Rauch aufsteigen sah. Keine Krise, kein Notfall kann so schlimm sein, dass wir das Gefühl danach haben sollten, dass es nicht weitergeht. Es geht immer weiter. Ich unterstütze aktuelle Geschäftsführer und Privatpersonen in dieser Ausnahmesituation. Aufgrund meiner Erfahrung, konnte ich mit dieser Krise damals ruhig und gelassen umgehen.

Wichtig war und ist für mich in dieser aktuellen Corona-Zeit:

  • aktiv Emotionen steuern und Entspannung suchen
  • fokussieren (auf Stärken) und Sinn erzeugen
  • Kommunikation verstärken
  • Wertedialog führen und Vertrauen herstellen
  • Szenarien durchdenken und Ziele ausrichten
  • Neues wagen

Sprechen Sie diese Punkte an und Sie suchen gerade jetzt Hilfe, dann nehmen Sie gern Kontakt zu mir auf. Gern unterstütze ich Sie mit meiner Expertise.

Gesunde Grüße aus Heiligendamm,

Ihre Seefrau Sandra

Der Kontakt zu Sandra ist hier zu finden.

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